Über dieses Buch

Sommer 2021: Clara trifft ihre alte Studienfreundin nach über 30 Jahren zufällig in Hamburg wieder. Beide Frauen spüren sofort, dass aus dieser Begegnung mehr wird als nur ein oberflächliches Wiedersehen.
Behutsam öffnen sie ihre persönlichen Lebenstüren und schauen zurück auf die Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren, die wilde Studienzeit, auf Schicksalsschläge und Krisen, aber auch auf Liebe und Glück.
Doch eines Tages, ganz plötzlich, trifft das Leben eine verhängnisvolle Entscheidung, die für beide Frauen alles verändert.





Leseprobe

(…) Über Lilos Vergangenheit wurde ich erst als Erwachsene in Kenntnis gesetzt und staunte nicht schlecht. Sie war wohl schon immer ein bunter Vogel gewesen, hatte sich während des Zweiten Weltkrieges im Untergrund durchgeschlagen, war in Frankreich gewesen, hatte die Luftangriffe der Alliierten auf Dresden überlebt, war anschließend nach Leipzig übergesiedelt und nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bayern gegangen. Bayern, das Hauptgebiet der US-Besatzungszone, suchte Übersetzerinnen, und Lilo hatte als junges Mädchen auf einer Sprachenschule in Stettin viele Englischkurse besucht, was ihr jetzt von Nutzen war. Vater war 1935 auch bei zwei Kursen dabei gewesen, hatte dann aber aufgegeben. The early bird catches the worm, das war bei ihm aus dieser Zeit noch hängengeblieben. Und mit diesem Sprichwort quälte er, der Frühaufsteher, die Lerche, wie wir ihn nannten, Mutter und mich jahrelang, wenn wir am Wochenende mal ausschlafen wollten. Der frühe Vogel kann mich mal, rief ich dann aus meinem Zimmer und drehte mich im Bett noch einmal um.
In Fürstenfeldbruck war Lilo nach dem Krieg gelandet und verdiente dort als Übersetzerin für die Amerikaner ihr eigenes Geld. Sie entsprach nicht dem Bild des stereotypen deutschen Fräuleinwunders der damaligen Zeit, dazu war sie zu unangepasst. Suchte auch keinen GI, der sie heiratete und mit nach Amerika nahm. Sie ging ihren eigenen Weg, vielleicht auch, weil sie ein Geheimnis hatte, von dem sie niemandem außer ihrer Schwester Martha erzählt hatte. Selbst mein Vater, ihr großer Bruder, wusste davon lange nichts. Anfang der fünfziger Jahre bekam sie mit fünfunddreißig ein uneheliches Kind, einen Sohn, und wollte lange nicht sagen, von wem. Sie schwieg. (…)

Kommentare

Der Roman hat mich auf eine sehr unterhaltsame und berührende Art und Weise in seinen Bann gezogen. "Risse" ist ein fesselndes, sehr gelungenes Buch, das präzise beobachtet und mit feinem Gefühl Gesellschaftliches und Persönliches in unaufgeregter Weise und trotzdem spannend erzählt. (...) G. Mohr, Marburg

Zehn Tage begleiten wir die Ich-Erzählerin und ihre Freundin bei der Wiederentdeckung ihrer Freundschaft. Beim Blättern im (jeweiligen) Lebensbuch erfahren wir sowohl Komisches als auch Tragisches, wie es wohl jedes Leben bereithält. Mich hat dieses Buch mitgenommen und berührt, ich konnte es bis zum (überraschenden) Ende nicht aus der Hand legen. M. Stiebel, Kiel

Hautnah habe ich mich in die Zeit der eigenen Sozialisation zurückversetzt gefühlt. Ein Muss für alle, die sich in den 1970er Jahren politisiert haben. H. Hübner-Kühne, Frankfurt

Großartig sind die Figuren, ob Frauen oder Männer, charakterisiert: ernsthaft, genau beobachtet, warmherzig und kritisch, jede und jeder wird sich in seinen Lebenswirren wiedererkennen können. Eigentlich sind wir überzeugt, dass diese Lebensgeschichte weitererzählt werden muss. G. Martin, Kassel

Sehr spannend, das Ende unerwartet und eine grandiose Idee. Konnte das Buch nicht aus der Hand legen und war enttäuscht, als es zu Ende war. Ich wollte einfach noch mehr lesen. G. Krämer, Frankfurt

Das Buch hat mich gefesselt und berührt. Ich konnte es kaum weglegen und habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Geboren in Ostdeutschland, aufgewachsen in der geteilten Republik habe ich sofort einen persönlichen Bezug zur Geschichte des Romans bekommen, konnte selbst noch einmal auf Spurensuche gehen. Ich bewundere Menschen, die es geschafft haben, glücklich zu sein, die mit heiterer Gelassenheit ihr Leben gestalten, sich selbst reflektieren und auch vergeben können. DANKE für diese Geschichte. A. Küstner, Greiz (Thüringen)

Die Autorin beschreibt in ergreifender Weise RISSE in Lebenswegen, in Herzen und in Köpfen. Nicht nur die der Ich-Erzählerin und deren Freundin Clara, auch Eltern, Verwandte, Freundinnen und Freunde schildert Sabine Kohn in ihren Milieus und mit ihrem Verhalten. Die Lesenden werden zu Zeuginnen und Zeugen von tragischen, glücklichen, aber auch verhinderten Leben - nüchtern erzählt, oft humorvoll, stets empathisch, dabei die jeweiligen gesellschaftlichen Umstände erhellend. Entstanden ist ein Roman, der nicht belehrt, aber Lernangebote macht. Jenseits aller Intellektualität aber ist die Geschichte - besser: sind die Geschichten - spannend und zum Abtauchen prädestiniert! Sehr empfehlenswert! D. Schmidt, Kassel